Monatsarchiv für Dezember 2006

 
 

Wenn Blogger zu sehr feiern

 "Immer wieder sonntags " ist draußen. MC Winkel, Nilzenburger und die Profis von BAS singen (singen!) vom Tag danach. Nach "Retter der Nation" jetzt das nächste feine Ding.

Die Nacht ist vorgedrungen

Gesegnetes Fest 

Statt der üblichen Albernheiten an dieser Stelle etwas über eines meiner liebsten Weihnachtslieder. Jochen Klepper hat das Lied 1937 geschrieben und wie in vielen anderen seiner Lieder ahnt man hier sehr viel von dem Druck, dem er sich nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten ausgesetzt sah. Er war mit einer Jüdin verheiratet. 1942 nahm sich die gesamte Familie angesichts der drohenden Deportation in die Vernichtungslager das Leben. Ich mag das Lied, weil es mich im ganzen vorweihnachtlichen Konsum- und Familienpsychoterror daran erinnert, warum ich eigentlich Weihnachten feiere. "Er wußte in dem allen aber auch um den Gott, für den keine Nacht zu dunkel ist, als daß er sie nicht zu durchdringen vermochte." (Quelle)

Die Nacht ist vorgedrungen,
der Tag ist nicht mehr fern.
So sei nun Lob gesungen
dem hellen Morgenstern.
Auch wer zur Nacht geweinet,
der stimme froh mit ein.
Der Morgenstern bescheinet
auch deine Angst und Pein.

Noch manche Nacht wird fallen
auf Menschenleid und Schuld.
Doch wandert nun mit allen
der Stern der Gotteshuld.
Beglänzt von seinem Lichte,
hält euch kein Dunkel mehr.
Von Gottes Angesichte
kam euch die Rettung her.
 

Jochen Klepper, 1937 

Gammelfleisch, Computer vom Discounter und andere Widrigkeiten

Es gibt kaum etwas in der Welt, das nicht irgend jemand ein wenig
schlechter machen kann und etwas billiger verkaufen könnte. Und die
Menschen, die sich nur am Preis orientieren, werden die gerechte Beute
solcher Machenschaften. Es ist unklug, zuviel zu bezahlen, aber es ist
noch schlechter, zu wenig zu bezahlen. Wenn Sie zuviel bezahlen,
verlieren Sie etwas Geld, das ist alles. Wenn Sie dagegen zu wenig
bezahlen, verlieren Sie manchmal alles, da der gekaufte Gegenstand die
ihm zugedachte Aufgabe nicht erfüllen kann. Das Gesetz der Wirtschaft
verbietet es, für wenig Geld viel Wert zu erhalten. Nehmen Sie das
niedrigste Angebot an, müssen Sie für das Risiko, das Sie eingehen,
etwas Geld zurück legen. Und wenn Sie das tun, dann haben Sie auch
genug Geld, um für etwas besseres zu bezahlen.

John Ruskin (1819-1900) 

Der Turkmenbashi ist tot, es lebe der … äh

… Übergangspräsident "Gurbanguly Berdymuchammedow". Mit dem Namen kann man doch keine Außenpolitik machen. Hoffentlich geht es den von einem reichlich durchgeknallten Diktator gebeutelten Turkmenen bald besser.

 Via Riesenmaschine. Und bevor jemand sagt "geklaut", der Kommentar #1 ist auch von mir.

Das muss schon sein

Reich, berühmt und schön werde ich in diesem Leben nicht mehr, aber ich habe jetzt wenigstens auch eine Espressomaschine, Insignum von großer Intellektualität und Trendiness:

Kaffeekocher

Die ist für mich bezahlbar, Original und hat sogar ein Druckventil, das den Dampfdruck bis 6 Bar aufbaut, um dann mit einem fantastischen "Zisssschlurp" Kaffeeschaum (bei Profis wohl "Crema" genannt) zu erzeugen. Es gibt sie in einem sehr sehr netten kleinen Geschäft in Mitte. 

Kaffeekocher

(Und mit "ich" meine ich auch nur mich, die anderen vier hier trinken nämlich keinen Kaffee.)

Das Leben der anderen

S1 Richtung Oranienburg. Mitte Zwanzig, mittleres bis gehobenes Bildungsniveau, männlich, Mountainbike auf drei Sitze verteilt, Mobiltelefon am Ohr.

"Wie es so geht?" [..]

"Tja, scheiße gelaufen. Ein Paradebeispiel dafür, dass es auch mit Kondom schieflaufen kann. Ich hab kein Loch gesehen, aber irgendwie muss da was rausgelaufen sein. Die Kleine ist fit, fängt jetzt an zu krabbeln. Nee du, die Olle schläft jetzt bestimmt schon."

Es ist einer dieser Tage, an denen ich mir schwöre, nie mehr morgens meinen MP3-Player zu Hause zu vergessen. Nicht, weil ich auf Musik angewiesen wäre, sondern, weil ich mich damit wenigstens für eine halbe Stunde vom Leben des jungen Mannes im Fahrradabteil hätte abschotten können. So genau wollten wir es alle gar nicht wissen, aber mit einer Mischung aus Schrecken und Faszination an den tiefen Einblicken hören wir gebannt weiter zu:

  • Ein Kumpel hat Diabetes, aber "er hat das ja auch so lange schleifen lassen". Und jetzt erzählt er immer davon, dass er sowieso bald sterben wird.
  • Dem anderen Kumpel ist die Mutter schon weggestorben, Oma ist als nächstes dran.
  • Irgendwann verabschiedet er sich von seinem Gegenüber und ich glaube, doch noch in Ruhe mein Sudoku im Tagesspiegel fertigmachen zu können. Da ruft er auch schon den nächsten an: "Hi, ich wollte mal einfach so quatschen. Ich sitz gerade in der S-Bahn und das ist so langweilig." Vorbei ist's mit der Konzentration.
  • Und weiter geht der Parforceritt durch Freundschaft und Bekanntschaft: "Du, dem schulde ich noch Geld, aber der soll sich nicht so haben, ich hab ihm schon ein Drittel zurückgezahlt. Ich hätte auch meinen Anwalt einschalten können, sein Anwalt hat da nämlich viel zu hohe Zinsen angesetzt. Soll froh sein, dass er überhaupt was kriegt."

Als ich an meiner Destination endlich den Wagen verlassen darf, dröhnt mir der Schädel und ich frage mich, wo die Zeiten hin sind, wo du dich schon spät abends in eine Kneipe setzen musstest, um einmal etwas aus dem Leben eines anderen Menschen zu erfahren.

Wortmeldung

Ich behaupte übrigens, das Wort "Freudenprediger" erfunden zu haben.

Beim Arzt

Wartezimmer. Kassenpatient. Nach einer Dreiviertelstunde Wartezeit Xavier Naidoo im Dudelradio, nach zweieinhalb Stunden noch mal:

"Wir müssen geduldig sein, dann dauert es nicht mehr lang." 

Spam nutzt Synergieeffekte

Jetzt Universitätsabschlüsse und Geschlechtsteilvergrößerungen in einem:

Betreff:

New degree of sexual confidence

Mit Sicherheit kann man keinen Blumentopf gewinnen

Wie auch beim Verlag des Reiseführers "Per Anhalter durch die Galaxis", ist auch die Geschichte unserer Arbeitsgruppe vor allem eine Geschichte von (teils diskussionsintensiven) Mittagessen und Kaffeetrinken. Gestern hatten wir noch einmal der zwei jüngsten Datenschutz- und Informationssicherheits-GAUs des Web 2.0 gedacht.

Es ist immer ein leichtes, in den (Blog-)Kommentaren zu solchen Geschichten auf den dämlichen Entwicklern herumzuhacken, die Sicherheitslücken nicht bedacht oder bewusst in Kauf genommen haben. Ich bin allerdings der Meinung, wir haben es – insbesondere bei Portalen – eher mit dem Problem zu tun, dass Sicherheit ein Thema ist, das bei nahezu allen Gliedern der Informationsverarbeitungskette (das Web-2.0-Äquivalent zur Nahrungskette) mit niedigster Priorität behandelt wird:

  • Der Nutzer  will ein schickes Portal mit "Fietschers": Bilder hochladen, ein Blog aufsetzen, Freunde gruschelnTM, Leute kennenlernen und mehr. Es ist ihm zuerst einmal egal, was mit seinen Daten passiert, solange er das Gefühl hat, er befindet sich nach einer Authentisierung in einem "geschützten Bereich", wo eben nicht jeder hineinkann. Er oder sie wird erst dann vielleicht auf Sicherheitsprobleme aufmerksam, wenn er Mails von seltsamen Firmen bekommt oder sie von irgendwelchen Widerlingen gegruscheltTM wird. Aber auch in diesem Fall resignieren die meisten und sagen sich, dass im Web eben sowieso nichts sicher ist. Schlimm ist es, wenn dann solche Dinge passieren wie bei Blogg und die über vier Monate angesammelten Kommentare in deinem A-Blog, von denen manche sogar geistreich und/oder witzig sind, verschwinden. Dann ist das Geschrei schon größer.
  • Der Portalbetreiber will "Fietschers". Jede zusätzliche Betätigungsmöglichkeit auf so einem Portal generiert mehr Nutzer. Mehr Nutzer führen zu mehr Page Impressions. Mehr Page Impressions verbessern die Reichweite und die Mediadaten. Bessere Mediadaten locken Investoren und Werbetreibende auf dein Portal. Du musst immer ein Feature mehr als die Konkurrenz haben. Du treibst die Entwickler an, noch dies und noch das einzubauen. Wenn irgendjemand mal aufmuckt und sagt "Aber was ist mit Backups" oder "Über diesen URL kommt doch jeder an die persönlichen Profile", wird er mit etwas Vernünftigem wie der Implementierung von Google-Maps-basierten Mashups oder einer Supergruschelfunktion beauftragt. Sicherheit kann warten. Es ist doch alles gut gegangen bis jetzt.
  • Der Webentwickler will sich auch nicht wirklich um Sicherheit kümmern. Er baut ein Portal auf bestehenden Komponenten auf, in der Hoffnung, dass sich die Leute, die sich diese Komponenten ausgedacht haben, schon selbst Gedanken über Sicherheit gemacht haben. Er hat nie wirklich etwas über Exploits, Backup-Methoden oder Verschlüsselung gelernt, weil das immer so langweilige Themen waren. Mashups machen mehr Spaß. Und PHP geht schneller als Java. Es ist doch alles gut gegangen bis jetzt.
  • Der Investor will sehen, dass sein Geld sich vervielfacht. Er investiert nicht in Sicherheit, sondern in Nutzer und Werbung und eventuell in Premium-Inhalte, die sich die Nutzer etwas kosten lassen. So kommt Geld herein. Sicherheit macht alles nur teurer und bringt keinen direkt ersichtlichen Gewinn. Es ist doch alles gut gegangen bis jetzt.

Und so werden weiter Portale gebaut, Nutzer kommen und melden sich an, Sicherheitslücken werden ausgenutzt, Backups versemmelt und Kleinbloggersdorf hat immer eine Sau, die durchs Dorf getrieben wird.